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Gute Wahl . . .

wie wärs noch mit ein bisschen Musik?

Das "mad scientist" Syndrom

Aktualisiert: 10. Sept. 2023

In einem dämmrigen Keller brodeln bunte Chemikalien in Reagenzgläsern, unlesbare Notizen tapezieren die Wände – ein Blitz durchzuckt die Dunkelheit, grollender Donner stört die Ruhe – und ein weiteres Experiment ist vollbracht.

Ausgestattet mit Reagenzgläsern, einem Laborkittel, einer Brille und wahlweise zerzausten Haaren verändern die "verrückten Wissenschaftler" die Welt –­ zumindest in der Fiktion, denn dort ist der Stereotyp des weltfremden, exzentrischen Genies ein beliebter Charaktertyp. Die Faszination dieses Typus machte sich schon Marry Shelley zunutze und schuf mit Doktor Frankenstein den wohl berühmtesten seiner Art. Modernere Werke haben sich von der Schriftstellerin etwas abgeschaut. So findet man den "mad scientist" auch in Form von Doktor Emmett Lathrop Brown (kurz Doc Brown) im Film „Back to the Future“. Ein ähnliches Erscheinungsbild haben Richard Daniel Sanchez (Rick Sanches) aus der animierten Serie „Rick and Morty“, sowie Dr. Heinz Doofenschmirtz aus der Kinderserie „Phineas and Ferb“. Hange Zoe aus “Attack on Titan“, die mit ihrem Äußeren trotz der Brille weniger in die, an Einsteins exzentrischem Aussehen angelehnte, Blaupause passt, reiht sich als weibliche Kandidatin ein.


Doch bevor Albert Einstein die einschlägige Inspiration für die modernere Darstellung des "durchgeknallten Genies" darbrachte, erkannte man einen solchen Charakter äußerlich kaum. Eben jene älteren, und damit zwingend literarischen Beispiele möchte ich hier besprechen – namentlich, wie bereits erwähnt, Viktor Frankenstein aus Shelleys gleichnamigen Werk, sowie Dr. Henry Jekyll aus Robert L. Stevensons Geschichte „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“.



Frankenstein – Die Entstehung des verrückten Wissenschaftlers


Den Namen "Frankenstein" sowie die Erzählung aus dem Jahr 1818 kennt durch etliche Fernseh­– und Popkulturreferenzen jeder, doch da vor allem das zum Leben erweckte Monster in den Erinnerungen der Menschen zurückbleibt, wird die Benennung oft fälschlicherweise dem Monster, und nicht wie ursprünglich von Shelley erdacht, dem Wissenschaftler zugeschrieben. Auch ist der beigefügte Titel "Der moderne Prometheus" über die Jahre verloren gegangen.


Prometheus ist eine Figur der griechischen Mythologie und bedeutet wörtlich übersetzt "der Vordenker". Er schuf die Menschen, lehrte sie Häuser zu bauen und Kräutertränke zu mischen, was ihn zum Sinnbild für Wissen, Fortschritt und Intelligenz machte. Prometheus versuchte den Menschen mithilfe einer List Zeus gegenüber einen Vorteil zu verschaffen. Erzürnt verbot der Göttervater den Menschen den Gebrauch von Feuer, woraufhin Prometheus ein Stück Glut aus dem Himmel stahl und den Menschen das Feuer brachte. Als Strafe legte Zeus den "Vordenker" in Ketten und befahl einem Adler, ihm Tag für Tag die Leber zu zerhacken. Prometheus ist also ein Beispiel für die Überschreitung von Grenzen zugunsten des Fortschritts und die darauffolgende Bestrafung.

Daraus schafft Mary Shelley das Motiv ihrer Erzählung – auch Frankenstein überschreitet die Grenzen der Natur, indem er einem toten Wesen Leben einhaucht und auch er wird im Anschluss dafür bestraft. Karma sozusagen.

Liest man die Geschichte im 21. Jahrhundert, so fällt auf, dass Frankenstein sich einiges Leid hätte ersparen können, wäre er ein wenig mitfühlender gewesen. Denn kurz nachdem er die Erweckung seiner Kreatur vollbracht hat, schlägt seine Euphorie in Furcht um. Augenblicklich verbannt er das "Monster" aus seinem Leben. Der Wissenschaftler zieht sich aus der Verantwortung, was ihn nicht unbedingt sympathisch macht. Die Kreatur, deren "Vater" er theoretisch ist, befindet sich kognitiv auf dem Stand eines Kindes – bringt sich in der Folgezeit selbst bei zu sprechen & sich zu versorgen.

Kinder sind bekanntlich moralisch "rein", was bedeuten würde, dass die Kreatur zum Zeitpunkt ihrer Reanimation einen blanken moralischen Status hat. Per se gibt es also keinen Grund für Frankenstein, sein Geschöpf zu verstoßen – zumindest aus heutiger Sicht. Doch damals galt das Äußerer als ein Spiegel des Inneren. War man "hässlich" oder missgebildet, so müsse man zwangsläufig auch moralisch verwerfliche Tendenzen aufweisen. Trotz dass Frankenstein also auf naturwissenschaftlicher Ebene ein Vordenker seiner Zeit ist, lässt seine charakterliche Reife zu wünschen übrig, womit er sich selbst dem Unheil zuführt, welches ihm im Laufe seiner Geschichte widerfahren wird. Denn das Wesen ist verbittert über die Ablehnung, die ihm aufgrund seiner Gestalt zuteil wird. Die "Moralphilosophie" des beginnenden 19. Jahrhunderts ist also, aus heutiger Sicht, eine selbsterfüllende Prophezeiung, ausgelöst durch Oberflächlichkeit und Missgunst.

Die aufstrebenden Naturwissenschaften waren der Kirche ein Dorn im Auge, schmälerten deren empirischen Abhandlungen die Autorität der kirchlichen Institutionen. Um dem entgegenzuwirken, wurden satirische Texte und Karikaturen verbreitet, die der professionellen Forschung im Wege stehen sollte.

Bei diesen "Forschungen" handelte es sich jedoch nicht um modernen Vorgehensweisen, wie wir es heute gewohnt sind. Charles Darwins Evolutionstheorie erschien erst 1871, wobei man sich auch vorher mit fraglichen Experimenten nicht zurückhielt. So wurde beispielsweise versucht, Frösche mithilfe elektrischer Impulse, ähnlich wie bei Frankenstein, wiederzubeleben. Auch Edgar Allan Poe (meinen Beitrag dazu hier) schrieb später einige Kurzgeschichten über die wissenschaftliche Wiederbelebung Toter durch Magnetismus ("Die Tatsachen im Fall Waldemar") oder Elektrizität ("Disput mit einer Mumie"). Vor dem Spiegel der Zeit wirken derartige Geschichten also deutlich realistischer, als den meisten heutzutage bewusst ist. Das erklärt auch, wieso Mary Shelley dieses Thema wählte, als sie mit ihrem Mann Percy Bysshe Shelley und dem befreundeten Lord Byron eine Wette abschloss, wer die schaurigste Erzählung verfassen könne. Eine Burg mit dem Namen Frankenstein existiert übrigens tatsächlich in Hessen und soll wohl seinerzeit auch einen verrückten Wissenschaftler beherbergt haben – berichtet zumindest Wilhelm Grimm, einer der beiden bekannten Gebrüder Grimm, 1813 Mary Shelleys Stiefmutter, die scheinbar ihrer Tochter davon erzählte. Charles Darwins Großvater Erasmus diente unter anderem als Inspiration für Victor Frankenstein.


Bei so vielen Verwicklungen der Realität ist es kein Wunder, dass Shelley diesen Wettbewerb gewann.


Der Grundstein für diese Entwicklung und somit auch den heutigen Charaktertypus des "verrückten Wissenschaftlers" findet sich bereits in der Renaissance, wo die Furcht der Kirche durch große Denker wie Kepler, Kopernikus oder Galilei geschürt wurde. Ein frühes Beispiel in der literarischen Rezeption war die Figur "Dottore" (zu Deutsch "Arzt") aus dem italienischen "Commedia dell’arte", populär im 16.-18. Jahrhundert, was uns vor allem als "Stegreiftheater" bekannt ist und einen mehr oder weniger festgelegten Charakterpool aufwies, zu dem auch il Dottore gehörte.

Möchte man noch weiter in der Geschichte zurückgehen, liefert Diogenes von Sinope (meinen Beitrag zu ihm findest du hier) ein antikes Beispiel für den "zerstreuten Gelehrten".



Jekyll & Hyde – der psychologische Aspekt


Dr. Henry Jekyll, aufgetreten in "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde", geschrieben 1886, wirkt schon deutlich sympathischer. Grundlegend wird hier die physische Trennung der "guten" und "bösen" Seite eines Menschen thematisiert, welche Jekyll mithilfe eines ominösen Trankes an sich selbst vollzieht und sich in Edward Hyde verwandelt. Die Zwickmühle, durch die Jekyll in erster Linie das Bedürfnis verspürt, sich in ein "anderes selbst" zu verwandeln, spiegelt einen Konflikt der Zeit wider: die viktorianische Gesellschaft legte viel Wert auf Stand und Ruf – der kleinste Fehltritt bedeutete für viele den Ruin, wie man es am Beispiel Oscar Wildes sieht (alles zum Niedergang des exzentrischen Schriftstellers findest du hier). Was nicht automatisch bedeutete, dass niemand sich vergnügte und jedermann ein frommes Leben führte – solange alle unschönen Dinge im Geheimen abliefen & das gute Image bestehen blieb, konnten alle noch so schlimmen Laster frei ausgelebt werden. Stevenson übt mit dieser Personifikation Hydes also auch Sozialkritik.

Jekyll, also die "gute Seite" handelt moralisch "richtig", da er ausschließlich an sich selbst experimentiert und somit vorerst niemand anderen gefährdet – im Gegensatz zu Frankenstein. Nur die "böse Seite", also Mr. Hyde, stellt eine Bedrohung dar. Auch hier arbeitete Stevenson mit dem Aussehen seiner Charaktere, um ihren moralischen Status zu verdeutlichen. Henry Jekyll, ein älterer, doch gut aussehender, gepflegter und anständig gekleideter Mann, steht in starkem Kontrast zu seinem "alter Ego" Hyde, der im Buch wie folgt umschrieben wird:

Bei Gott, der Mann scheint nichts Menschliches an sich zu haben! Etwas von einem Höhlenbewohner möchte ich sagen. [...] Henry Jekyll, wenn je ein Antlitz von Satan gezeichnet worden war, so ist es das deines neuen Freundes!

Schon an dieser Stelle sinniert Mr. Utterson, die Hauptfigur, ob dieses Erscheinungsbild "der Widerschein eines ruchlosen Charakters" sei.

Doch obwohl Jekyll größtenteils die Verantwortung übernimmt, versucht er die Schuld für die Gräueltaten Hydes abzuweisen, dieser gewinnt indes zunehmend die Oberhand, und letztendlich wird auch Jekyll für die Überschreitung der Grenzen "pede claudo" also "langsam aber sicher" bestraft – wie Utterson bereits am Ende des dritten Kapitels vermutet.

Im psychologischen Aspekt geht Stevenson zudem auf die Themen Sucht & Unterdrückung ein. Jekyll bezwingt seine düsteren Bedürfnisse seit seiner Jugend, wie man am Ende der Novelle durch seine Memoiren erfährt. Dadurch baut sich der Drang diese Sünde auszuleben immer weiter auf, bis eine auf Wissenschaft basierende Obsession entsteht, die ihm innewohnende Dualität zu trennen. Dabei darf man nicht vergessen, dass auch Hyde der Theorie nach Jekyll ist. Der Doktor selbst versucht diese Tatsache von sich zu weisen, um sein Gewissen zu befreien. Mit der zeit will Jekyll jedoch immer häufiger sich selbst entgehen und zu Hyde mutieren, wodurch die Grenzen zwischen den beiden verschwimmen. Das bemerkt Jekyll zwar, doch ist er an diesem Punkt längst abhängig davon, seinen grausamen Gedanken durch Hydes Auslebung Erleichterung zu verschaffen. Edward Hyde, zu Anfang noch als mickrig beschrieben, da Jekyll diese Seite an sich selbst nie ausleben und somit wortwörtlich "stärken" konnte, droht letztendlich die Oberhand zu gewinnen, was Jekyll nur durch Selbstmord zu verhindern vermag.


Wie auch Frankenstein zählt diese Novelle zu den Gothic Novels, also den deutschen Schauerromanen. Doch darüber hinaus vereint Sevensons Erzählung das Genre mit einer (psychologischen) Detektiv-Geschichte, da der Leser gemeinsam mit Mr. Utterson das Geheimnis von Dr. Jekyll enthüllt. Passend dazu baute Stevenson zwei amüsante Wortspiele in seinen Text ein. Zum einen bekundet Utterson, auf der Suche nach Edward Hyde:

If he be Mr. Hyde, I shall be Mr. Seek.

Dies ist eine Anspielung auf die englische Bezeichnung für das Versteckspiel, "Hide and Seek", also "Verstecken und Suchen". Die deutsche Übersetzung "Wenn Mr. Hyde sich verstecken will, [...] so werde ich ihn eben suchen!", mindert die sprachliche Eleganz leider.

Eine weitere "Hide and Seek" Anspielung findet sich auch im Namen Jekyll selbst. Entgegen der üblichen Aussprache "Dschä-kill" ist die eigentliche Lautung "Dschi-küll", wobei erstere dem britischen und letztere dem schottischen Englisch entspricht. Zwar ereignet sich die Geschichte in London, doch ist Stevenson selbst in Edinburgh zur Welt gekommen & somit gebürtiger Schotte. Die schottische Phonetik würde sich nämlich mit "seek all", also "suche alles" reimen, womit Stevenson wiederum gekonnt Gebrauch von der Namensgebung seiner Charaktere macht. Immerhin überschreitet auch Jekyll die "all"gemeinen Grenzen auf seiner "Suche".

Dass Jekyll zumindest teilweise die Verantwortung für sein Handeln übernimmt, er versucht beispielsweise im Nachhinein die durch Hyde entstandenen Schäden auszugleichen, könnte mit dem aufbegehrenden Selbstbestimmungs-Trend am Ende des 19. Jahrhundert zu erklären sein. Denn durch den kirchlichen Verlust der gottgegebenen Legitimität brauchten die Menschen eine neue spirituelle Orientierung, nach der sie ihr Leben ausrichten konnten und die fanden sie oft bei ihren eigenen Wünschen & Bedürfnissen.


Die, durch die Kirche geförderte, negative Konnotation des "verrückten Wissenschaftlers/Genies" hält sich bis heute. Naturwissenschaften werden meist als "kalt" oder "unmoralisch" angesehen, da sie eher mit der logischen, rationalen linken Gehirnhälfte verbunden sind, die im Gegensatz zur emotionalen, intuitiven rechten Gehirnhälfte steht.


Laut der Disharmoniehypothese müsse ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten in einem Bereich zum "Ausgleich" ein Defizit in einem anderen Bereich haben – ein naturwissenschaftliches Genie muss also zwingend einen Mangel an emotionaler Kompetenz aufweisen.

Zwar ist das längst durch Studien widerlegt, dennoch hält sich der Stereotyp und ist folglich auch in der Fiktion zu finden. So arbeiten "verrückte Wissenschaftler" meist allein oder mit einem loyalen Sidekick und sehen nicht selten auf ihre Kollegen herab. Zudem ist eine gewisse Obsession die Voraussetzung, um aus einem "normalen" Wissenschaftler mit Forscherdrang einen "verrückten" Wissenschaftler zu machen.

Auch haftete der Naturwissenschaft durch die "Body Snacher" des 19. Jahrhunderts lange Zeit ein zweifelhafter Ruf an, da sie Leichen aus Gräbern stahlen (daher der Begriff, übersetzt Leichenräuber) und diese für medizinische Zwecke wie Sezierungen an anatomische Fachschulen verkauften. Für letztere waren Leichen damals Mangelware, aber gleichzeitig unentbehrlich für die Ausbildung der Studenten. Die grausamen Versuche vieler "Wissenschaftler" im Zweiten Weltkrieg erinnerten gleichwohl an die Bedrohung, die von unmoralischer Forschung ausgeht.


Wir stellen also fest, Forscher haben seither einen eher schlechten Ruf.


Das Problem hierbei ist, dass der Charaktertypus sich teilweise mit psychischen Krankheiten vergleichen lässt. So ähnelt besonders Henry Jekylls Verfassung grob den Symptomen der Dissoziativen Identitätsstörung oder Borderline-Persönlichkeitsstörung im Hinblick auf die dargestellte Dualität.

Weniger extreme Beispiele wären Autismus oder ADHS, welche dem Stereotypen hinsichtlich der vermeintlich verminderten Sozialfähigkeiten, der gesteigerten Aufmerksamkeit bei ausgewählten Themen, ähnlich der oben genannten Obsession, ähneln.

Das ist insofern ein Problem, dass Krankheitsbilder nicht erkannt werden oder der korrekte Umgang mit ihnen erschwert wird, da mediale Einflüsse die Grenzen verwischen, beziehungsweise eine gewisse Erwartung aufbauen. Dies kann eine negative Wechselwirkung zwischen psychischer Krankheit und Stereotyp zur Folge haben.


Bedenkt man den momentanen Trend der Anti-Helden & moralischen Grauzonen im Zusammenspiel mit dem wachsenden Verständnis für die Psyche des Menschen, sowie die Bereitschaft über die genannten Konditionen offen zu reden, so sollte dieses Problem hoffentlich bald der Vergangenheit angehören.



 









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