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Gute Wahl . . .

wie wärs noch mit ein bisschen Musik?

Wie Oscar Wilde "gecancelled " wurde

Aktualisiert: 10. Sept. 2023


Wir schreiben den 25. Mai 1895 und befinden uns im eindrucksvollen Central Criminal Court (Zentraler Strafgerichtshof, auch bekannt als Old Baileys), wo Richter Alfred Wills gerade sein Urteil spricht. Zwei Jahre im Zuchthaus mit zusätzlicher Zwangsarbeit seien zwar das höchste zugelassene Strafmaß, in seinen Augen jedoch deutlich zu wenig.

Das "Verbrechen" Homosexualität (früher genannt Sodomie) sei das schlimmste Vergehen, dass er je zu verhandeln gehabt hätte.

Der Angeklagte – Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde – habe "jedes Schamgefühl verloren". Die Antwort des sonst so charmanten, redegewandten Mannes erstickte nahezu in Tränen; "Und ich? Darf ich nichts sagen, Mylord?"



Der Anfang vom Ende ...


... begann mit dem Aufeinandertreffen von Wilde mit Lord Alfred Bruce Douglas (auch genannte Bosie), dem dritten Sohn des Marquis von Queensberry. Douglas hatte vor kurzer Zeit "Das Bildnis des Dorian Grey" gelesen und wollte nun den polarisierenden Autor kennen lernen. Lionel Johnson, ein gemeinsamer Freund der beiden, machte sie im Jahr 1891 miteinander bekannt. Mit 37 Jahren war Wilde ein ganzes Stück älter als der 21-jährige Lord Douglas.


Es gibt verschiedene Versionen, wie beide Männer sich in den folgenden Monaten näher kamen. Constance, Wildes Frau und seine beiden Kinder Cyril und Vyvyan störten dabei nicht. Es war für Männer und Frauen im viktorianischen England üblich, ihre Zeit getrennt zu verbringen. Ehemänner und Söhne hielten sich beispielsweise in Herrenclubs auf, während Frauen und Töchter durch Parks und Gärten flanierten.


Fakt ist, dass Wilde ab Mai 1892 keinen Hehl mehr aus seiner Verliebtheit dem jungen Schönling gegenüber machte. Der von Zeitgenossen als verwöhnt, rücksichtslos, frech und extravagant beschriebene Douglas erwartete von Wilde, seinen Hang zum Glücksspiel (finanziell) zu unterstützen. Im Zuge seines Werbens gab Wilde in einer Zeitspanne von circa drei Jahren umgerechnet 500.000 Euro für Douglas aus. Vorerst war das scheinbar kein Problem – Wilde landete in dieser Zeit ebenfalls seinen ersten großen Theaterhit, was ihm ein Einkommen von umgerechnet 7.000 - 8.000 Euro pro Woche sicherte.


Da seiner Verurteilung auch ein Rede- und Schreibverbot, sowie die sofortige Absetzung all seiner Stücke zur Folge hatte, schwand sein Vermögen im Angesicht dieser Verschwendungssucht rapide.

Als er nach Absitzen seiner Strafe entlassen wurde, war er mit seinen finanziellen Mitteln am Ende.



Queensberry – größter Gegenspieler Wildes'


Dem Vater von Lord Douglas, John Sholto Douglas, dem 9. Marquise von Queensberry missfiel das Verhältnis zwischen dem exzentrischen Oscar Wilde und seinem Sohn. Nachdem er bei einem zufälligen Aufeinandertreffen Bekanntschaft mit ihm machte, war er von der einnehmenden Persönlichkeit des Autors begeistert. So schrieb er seinem Sohn sogar, dass er nun verstünde, wieso dieser sich so gern und häufig mit Wilde umgab.


Jene positive Attitüde war jedoch nicht von langer Dauer; Gerüchte über das Privatleben Wildes, sowie ein gegen Lord Douglas gerichteten Erpressungsversuch verhärteten den wiedergefundenen Argwohn Queensberrys.


Er begann damit, die beiden Männer zu verfolgen, suchte Restaurants, Hotels oder Theater auf, in denen Wilde und Douglas sich aufgehalten hatten und drohte Wilde einen öffentlichen Skandal vom Zaun zu treten.


Douglas hatte Oxford, die Universität, an der er bislang studierte, inzwischen ohne Abschluss verlassen, was seinem Vater abermals missfiel. Er verbrachte seine Zeit damit, das von Wilde verfasste Drama "Salomé" (Erwähnt in meinem Artikel über das gleichnamige Gemälde von Lovis Corinth, schau gern mal rein.) ins Englische zu übersetzen. Zwar war Oscar Wilde gebürtiger Ire, sprach jedoch ebenfalls fließend Französisch und bevorzugte es, in dieser Sprache zu schreiben. Laut eigener Aussage sei er im Herzen Franzose, der Geburt nach aber Ire und von den Engländern dazu verurteilt, die Sprache Shakespeares zu sprechen”. Ich sollte jedoch hinzufügen, dass Douglas dieses Vorhaben nur mäßig gelang. Einige Passagen übersetzte er fehlerhaft. Aus "On ne doit regarder que dans les miroirs" (Man solle nur in Spiegel schauen), machte er "Man darf nicht in Spiegel schauen".


Am 1. April 1893 setzte der Marquis von Queensberry die Drohung "einen öffentlichen Skandal auf eine Weise zu machen, von der Sie wenig träumen" in die Tat um, obwohl die Wogen nach einem erneuten gemeinsamen Essen der drei Gentlemen vorerst geglättet schienen.

Er bezichtigte Wilde öffentlich mehr oder weniger direkt der Sodomie. So behauptete er, dass Wilde, wenn er auch kein Sodomit sei, "wie einer posiere", und das wäre genauso schlimm. Indessen herrschte ein reger Briefwechsel zwischen Vater und Sohn, bei dem klar wurde, dass die Fronten sich deutlich verhärteten. Unter anderem drohte Queensberry, seinem Sohn den Geldhahn abzudrehen. Wüste Beschimpfungen wurde umher geworfen, die Sache wurde ernst.


Hinzu kam der tragische Tod des ersten Sohnes des Marquis und ältester Bruder Alfreds, Francis Viscount Drumlanrig. Er starb an einer Schussverletzung im Zuge eines Jagdunfalls. Gut informierte Kreise munkelten jedoch, dass es sich um einen Selbstmord gehandelt habe, da Gerüchte über eine Affäre mit dem Premierminister Lord Rosebery kursierten.

Da nun schon zwei seiner Söhne in negativem öffentlichen Licht standen, und die Situation zwischen Douglas und seinem Vater nicht schlimmer hätte sein können, fühlte Queensberry sich zum Handeln gezwungen.

Zwei Monate später erschien der Marquis, Förderer des Boxsports und Namensgeber der Queensberry-Regeln, gemeinsam mit einem Preisboxer vor Wildes Wohnung in der Tite Street. Er drohte Wilde mit einer Abreibung, sollte er sich erneut mit seinem Sohn in der Öffentlichkeit blicken lassen.

Die Antwort, mit der Wilde schlagfertig wie immer konterte, ist heute vielen bekannt:

"Ich weiß nicht, was die Queensberry-Regeln besagen, die Oscar-Wilde-Regel besagt jedenfalls, auf der Stelle zu schießen".

Eine weitere nennenswerte Schikane seitens des Marquis wurde von Wilde vereitelt. Er hatte geplant, mit einem Korb voll faulem Gemüse ausgestattet, die Theatervorstellung, die Douglas und Wilde besuchten, zu unterbrechen und sie mit seinem Mitbringsel zu bewerfen. Sein Sohn hatte Wind davon bekommen, woraufhin es Wilde möglich war, die Polizei zu verständigen. Folglich wurde Queensberry der Zutritt zum Theater verwehrt werden und die Besucher des Theaters genossen die Vorstellung ohne schimmeligen Kohl.



"Dear Robbie..."


Links zu sehen ist eine Visitenkarte des Marquis von Queensberry mit der Aufschrift "Für Oscar Wilde, posierender Sodomit". Douglas Vater hinterließ die Karte im Albemarle Club, wo sie Wilde zehn Tage später ausgehändigt wurde.

Partout in Rage versetzt, schrieb Wilde seinem guten Freund, engen Vertrauten – und wahrscheinlich ersten Liebhaber – folgende Zeilen:



Liebster Robbie, seit unserem letzten Zusammensein hat sich einiges getan. Bosies Vater hat in meinem Club eine Karte mit einer ekelhaften Mitteilung hinterlassen. Ich sehe jetzt keinen anderen Ausweg mehr als eine Strafverfolgung. Es ist, als wäre mein ganzes Leben von diesem Menschen ruiniert. Der Abschaum überfällt den Elfenbeinturm. Mein Leben zerrinnt im Sande. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Wenn Du kannst, komm doch bitte heute Abend um 23 Uhr 30 vorbei. Ich richte Dein Leben zugrunde, indem ich Deine Liebe und Freundlichkeit über Gebühr beanspruche. Bosie habe ich für morgen hergebeten.

Bemerkenswert ist, dass er nicht sofort seinen aktuellen Geliebten zurate zog, sondern sich stattdessen an Ross wendete. Zwar sorgte das Verhältnis mit Douglas dafür, dass die Beziehung zwischen Wilde und Ross mehr oder weniger im Sande verlief, dennoch wusste Wilde wahrscheinlich, dass Ross einen objektiveren Blick auf die Situation hatte als Douglas, der Streit mit seinem Vater suchte. Zudem war die Beziehung zwischen Douglas und Wilde von vielen "Ups and Downs" geprägt, was zum Teil wohl auch dem großen Altersunterschied geschuldet war. Oft stritten sich die beiden, beispielsweise wegen der vorhin erwähnten, mit Fehlern gespickte Übersetzung von "Salomé", trennten sich sogar, um daraufhin wieder zusammenzufinden.

So war es sicher seine Intention alles in Ruhe zu mit Ross zu besprechen, er einen kühlen Kopf bewahren konnte, bevor der impulsive Alfred Douglas dazu stoßen sollte.

Wäre sein Plan aufgegangen, wäre Wilde vielleicht nie verurteilt worden.

Wäre sein Plan aufgegangen, wäre er vielleicht nicht verfrüht gestorben.

Wäre Douglas nicht schon vor Ross eingetroffen.


Als Ross jedoch in dem Hotel ankam, fand er Wilde bereits gemeinsam mit Douglas vor. Es schien beschlossene Sache, wie Wilde in seinem Brief sagte, eine "Strafverfolgung" einzuleiten. In Anbetracht der belastenden Umstände war das jedoch keine gute Idee. Der Prozess nahm seinen Lauf, Wildes Privatleben geriert in den Mittelpunkt der Ermittlungen, und man deckte unzählige "Skandale" auf. Unter anderem wurde eines seiner erfolgbringendsten Werke "Das Bildnis des Dorian Grey" als "Beweisstück" gegen ihn verwendet. Männliche Prostituierte sagten aus, dass Wilde ihre Dienste in Anspruch genommen habe. Alles in allem war die Beweislage erdrückend, die viktorianische High-Society war erschüttert, der Ruf Wildes unwiderruflich zerstört. Obwohl Homosexualität, insbesondere unter Männern in dieser Zeit keine Seltenheit, sogar allgemein toleriert war – solange alles hinter verschlossenen Türen vonstatten ging, und man(n) es mit Leichtigkeit verdrängen konnte.


Der Verleumdungsprozess, den Oscar Wilde ursprünglich gegen den Marquis von Queensberry in die Wege geleitete hatte, um seinen Ruf wiederherzustellen, wendete sich letztendlich gegen ihn selbst; nach dem Freispruch des Marquis holte dieser in Form einer Gegenanklage zu einem verhängnisvollen Rückschlag aus. Zudem musste Wilde nach früherem Verleumdungsrecht die gesamten Kosten übernehmen, die der Marquis für das Verfahren ausgab, was ihn gemeinsam mit den eigenen Ausgaben für den Prozess in den finanziellen Ruin stürzte.

Der Kläger wurde zum Angeklagten. Am Ende seiner Strafe hatte die einstige Glorie ihn verlassen und ließ einen gebrochenen Mann zurück.


Oscar Wilde starb verarmt im Pariser Exil, dreieinhalb Jahre nach seiner Freilassung. Zwar konnte er kurz vor seinem Tod krankheitsbedingt, er erlag einer Hirnhautentzündung, nicht mehr sprechen, soll aber in den Wochen vor seinem Tod des öfteren Anmerkungen über sein baldiges Ableben gemacht haben. Daraus entstanden zweit bekannte Zitate:


"Meine Tapete und ich liefern uns ein Duell auf Leben und Tod. Einer von uns muss gehen."

beziehungsweise die weniger bekannte Aussage

"Ich sterbe über meinen Verhältnissen. Ich kann es mir nicht einmal Leisten zu sterben."

Auch wenn Oscar Wilde zeit seines Lebens geächtet wurde, so rückte sein Bild über die Zeit in ein neues, besseres Licht. Seine Werke zählen mittlerweile zur Weltliteratur, während das Leben des dekadenten Schriftstellers, Literaturkritikers & Ästhet nicht weniger interessante Wendungen bereithält.


 


Bilder zeigen Oscar Wilde (mit Alfred Douglas)


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