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Gute Wahl . . .

wie wärs noch mit ein bisschen Musik?

In defense of Marie Antoinette

Aktualisiert: 10. Sept. 2023


Wir schreiben den 16. Oktober 1793. Auf dem Place de la Revolution, (heute Place de la Concorde) hat sich eine wütende Menschenmasse versammelt, man kann kaum treten. Ein Karren bahnt sich langsam den Weg durch die Menge. Die Zugpferde vor ihm bäumen sich auf. Menschen brüllen und fluchen, heben drohend ihre Fäuste. Auf dem wackeligen Gefährt steht erhobenen Hauptes die Königin von Frankreich und Navarra. Nie hat sie sich ihres hohen Ranges würdiger gezeigt, erinnert sich ein Zeuge in seinem Tagebuch. Ruhig begegnet die in weiß gekleidete Frau den wilden Blicken ihrer Untertaten. Die Erniedrigung hält sie aus, ohne zu zittern oder die Augen niederzuschlagen. Mit ihrem souveränen Auftreten zwingt sie den Mob zu Ehrfurcht. Dort, wo sie ist, wird es still. Für Marie Antoinette ist auch der scheußliche Karren ein Thron. Als sie mit feuchten Augen vom Karren herabsteigt, reicht man ihr die Hand. Der Schafrichter, der sie gleich zum Tode führen soll, flüstert ihr zu "Mut, Madame!". Sie bedankt sich mit fester Stimme. Auch besteh sie darauf, allein zum Schafott zu gehen.


So schreitet sie in anmutiger Manier zur Guillotine hinauf, als wären es sie Stufen der großen Treppe von Versailles. Dem Schafrichter tritt sie versehentlich auf den Fuß, denn durch die tränenverschleierten Augen ist das Sehen schwer. "Pardon. Monsieur", entschuldigt sich die Monarchin. Sie nimmt den weißen Hut ab, dann werden ihre Hände zusammengebunden. Marie legt den Kopf auf einen Bock nieder, ihr Nacken ist bereits rasiert. Sie blickt ein letztes Mal gen Himmel und ruft: "Lebt wohl, meine Kinder. Ich werde euren Vater wiedersehen!".

Das Messer der Guillotine fällt nieder.


"Viva la revolution", schallt es durch die Menge.


Mit Unzucht und Hochverrat beschuldigte man sie bei ihrem Gerichtsprozess nur einen Tag zuvor. Der Mann der französischen Königin, Louis XVI. wurde bereits neun Monate zuvor hingerichtet. Das Ende des Herrscherpaares sollte sinnbildlich für das Ende der französischen Monarchie stehen. Immerhin sind ausschließlich diese beiden Menschen für das französische Volk verantwortlich, und folglich auch an allen Missständen schuld, welche die einfachen Leute jahrelang plagten. Das war zumindest damals die Auffassung."Der schwache König" und "die verschwendungssüchtige Königin" sind auch heute noch Klischees, denen sich bei der Darstellung beider historische Figuren bedient wird. Doch eine Geschichte hat immer zwei Seiten – und einen Anfang.



Madame l'Etiquette

Maria Theresia, die Mutter Maria Antonias, wie die Österreicherin in ihrem Heimatland genannt wurde, entschied sich früh dazu ihre Tochter an einen konkurrierenden Staat zu verheiraten. Damals war es nicht unüblich, eine Vermählung adeliger Familien in erster Linie als politischen Akt zu betrachten. So entschied man sich schnell dazu, die gerade mal 14-Jährige mit dem ein Jahr älteren Thronprinzen von Frankreich zu verheiraten. Nachdem die Förmlichkeiten mithilfe eines Stellvertreters in Frankreich abgeschlossen waren, begann man mit der Reiseplanung von Maria Antonia nach Frankreich. Hierbei zog man alle Register. Während der fast einmonatigen Reise wurden etliche Feste gefeiert, delikate Speisen serviert, Bälle veranstaltet und Balletts aufgeführt – nur das beste für die zukünftige Königin. Als Maria mit ihrer Gefolgschaft von 57, meist sechsspännigen, Wagen und der 235-köpfigen Gesellschaft an der französischen Grenze ankam, wurde sie, noch in Österreich, völlig entkleidet und nackt über einen Korridor nach "Frankreich" geleitet, wo sie von ihrer neuen, französischen Dienerin in Empfang genommen und in eine französische Robe gesteckt wurde. Auch der Rest des ihr vertrauten Gefolges blieb an der Grenze zurück. Bis auf wenige bekannte Gesichter, wie den österreichischen Botschafter Claude von Mercy-Argenteau, der Maria Theresia zukünftig Bericht über Marie Antoinette erstattete, war sie nun allein.

Die nächsten Jahre genoss Marie Antoinette allerlei Vorzüge am französischen Hof. Sie tanzte auf Bällen die Nächte durch, besuchte die Oper oder begab sich in die Gesellschaft ihrer engen Freunde, welche sie nicht nach Rang oder Position, sondern Sympathie wählte. Ein erster Fehler am Hof Louis XV. Besonders Maskenbälle genoss die Dauphine (franz. Bezeichnung für die Thronfolgerin). Zwar erkannte man die Prinzessin auch unter einer Maske, doch fiel es ihr leichter den Erwartungen, die ihre Position mit sich brachte, zu entfliehen. Auf einem dieser Maskenbälle lernte sie einen jungen Studenten kennen, der sie tatsächlich nicht sofort erkannte und mit dem sie sich auf Anhieb gut verstand: den schwedischen Graf Axel von Fersen.


Nicht nur durch ihre Feierlaune fiel Marie Antoinette unangenehm auf. Da sie am weit weniger strengen, österreichischen Hof aufgewachsen war, unterschätzte sie die Bedeutung der Etikette am Hofe, was ihr den Beinamen "Madame l'Etiquette" einbrachte. So gab es beispielsweise ein besonderes Korsett, "Grand Corps" genannt, das wegen seiner besonderen Steifheit, engen Schnürung und der damit repräsentierten Vornehmheit ausschließlich Prinzessinnen vorbehalten war. Marie Antoinette verweigerte das Tragen dieses Korsetts zugunsten der Bewegungsfreiheit, die Alternativen boten. Am französischen Hof sorgte das für einen riesigen Skandal, der nicht ihr letzter sein sollte.

Auch begleitete sie ihren Mann, den zukünftigen Louis den XVI. und seinen Vater Louis Ferdinand de Bourbon gern beim Jagen, wobei sie auf den damals üblichen Damensattel verzichtete. Als wäre das nicht aufsehenerregend genug, ließ sie ein Portrait von sich zu Pferd anfertigen, was deutlich an eine bekannte Abbildung Louis' XIV., dem Sonnenkönig erinnert. Zudem war die dargestellte Pose den männlichen Monarchen vorbehalten. Durch ihr eigenwilliges Verhalten entstand der Eindruck, Marie Antoinette würde in der Ehe dominieren, und folglich auch in politischen Angelegenheiten die Stricke ziehen.


Auf der linken Seite das "Reiterporträt des Ludwig XIV., König von Frankreich und Navarra (1638-1715)", Öl auf Leinwand,

von René-Antoine Houasse, ca. 1674

Rechts zu sehen das "Reiterportrait von Marie-Antoinette in Jagdkleidung", Öl auf Leinwand, von Louis Auguste Brun de Versoix, 1783


Als am 10. Mai 1774 Louis XV. starb, bestieg Marie Antoinette mit nur 19 Jahren an der Seite ihres Mannes, Louis XVI. den Thron – wofür sich beide nicht bereit fühlten. Dennoch setzte das Volk viel Hoffnung in das neue Königspaar. Auch Marie erhoffte sich etwas aus ihrer neuen Rolle: Freiheit. Als mächtigste Frau am Hof von Versailles stand nun niemand mehr über ihr, außer dem König höchstselbst. Jedoch wurden beide Erwartungshaltungen alsbald enttäuscht. Einer Königin ließ man weniger durchgehen als einer Dauphine. Jede kleine Entscheidung wurde als politischer Akt interpretiert und der vom Volk erwünschte Neustart blieb ebenfalls aus. Die frischgebackenen Herrscher hatten bereits Probleme damit, den Status quo aufrechtzuerhalten. An Verbesserungen war so vorerst nicht zu denken.



Garten Eden

Zwar sah Louis XVI. sich als Philanthrop und Menschenfreund, doch war der Allgemeinheit schnell klar, dass sich so schnell nichts ändern würde, als eine der ersten Regierungshandlungen Louis' nicht etwa eine Lebensverbesserung für das Volk beabsichtigte, sondern für seine Frau. Er schenkte ihr das "Petit Trianon", ein von Louis XV. für seine Mätresse Madame Pompadour errichtetes Schlösslein in den Versailler Gärten, welches Marie Antoinette zukünftig als Rückzugsort vor den royalen Pflichten diente. Passend dazu waren die Räumlichkeiten verglichen mit dem barocken Prunk von Versailles eher schlicht eingerichtet.




"Schlicht" sollte zukünftig auch der prachtvoll angelegte Barockgarten aussehen. Der aus England stammende "Natürlichkeitstrend" passte nicht mehr zu den streng angelegten Beeten mit exotischen Pflanzen aus aller Welt, die vorherige Könige über Jahrzehnte hatten einschiffen lassen. Das Gelände sollte umgebaut werden, wofür die Königin keine Kosten und Mühen scheute. Sie ließ tausende Tonnen Erde bewegen und engagierte Landschaftsarchitekten, mit denen sie sich ihren eigenen, idyllischen Traum eines Garten Eden inszenierte. Einige Zeit später war das Landschaftsbild geprägt von sanften Hügeln, Teichen, Flüssen und sogar einer kleinen Insel, gekrönt mit einem Pavillon.



Das waren nicht die einzigen horrenden Ausgaben der jungen Königin. Sowohl Juwelen als auch dem Kartenspiel mit Geldeinsätzen war sie zugeneigt. So kaufte sie beispielsweise ein paar Ohrringe im Wert von 460.000 Pfund, auch Livre genannt. Zum Vergleich: Für nur einen Live erhielt man am Vorabend der Revolution ein Kilogramm Kirschen oder ein durchschnittliches Mittagsmenü.

Da Louis diese Summe nicht sofort begleichen konnte, musste er einen 4-Jahres-Kredit für die Klunker seiner Frau aufnehmen.

Auf eine ähnlich hohe Summe werden auch ihre Verluste beim Spielen geschätzt: 400.000 Livres soll Marie Antoinette insgesamt verspielt haben.



Finanzminister wechsel dich


Mit ihren fragwürdigen Ausgaben arbeitete sie indirekt gegen die Bestrebungen ihres Mannes. Louis, der wusste, dass er die Finanzkrise auf keinen Fall alleine bewältigen könne, engagierte noch im Jahr seines Regierungsantritts Anne Robert Jacques Turgot, einen sehr klugen, gelehrten Franzosen, der als fähigster Ökonom seiner Zeit galt. Direkt zu Anfang machte er seine Prinzipien klar:

Seine Strategie dafür war Sparsamkeit in allen Bereichen. Auch erkannte der Finanzminister einige Schlupflöcher, die der Adel sich zunutze machte, um sich zu bereichern. Turgot hatte große Visionen, musste sich aber mit weit weniger zufriedengeben, da der Adel sich quer stellte, indem er zum Beispiel Veto gegen neue Gesetzesvorschläge einreichte. Ein großer Gegenspieler hierbei war der eigene Bruder des Königs. Das erschwerte Louis XVI. eine ordentliche Finanzreform, denn er musste sich gegen seinesgleichen wenden. Marie Antoinette hörte ebenfalls Gerüchte über Turgot. Dieser wolle angeblich die Hierarchie untergraben, da er keine Steuererhöhungen für das Volk, sondern eine Versteuerung des Adels forderte. So übte auch seine eigene Frau Druck auf Louis aus, dem er letztendlich nicht standhalten konnte. Der König konnte nicht die nötige Autorität aufbringen, Turgot bei der Durchsetzung seiner Pläne zu unterstützen, weswegen letzterer zwei Jahre später entlassen wurde. Diese Entscheidung warf ein noch schlechteres Licht auf den Monarchen, ließ ihn schwach und unentschieden aussehen; ein Stigma, mit dem er für immer assoziiert werden sollte.

Turgos nächster nennenswerter Nachfolger, dazwischen gab es zwei weitere Finanzminister, die jedoch nur kurze Zeit ihr Amt bekleideten, war Jacques Necker, ein überaus reicher Bankier. Seine Herangehensweise war es, sich durch seine Geschäftsbeziehungen Geld zu leihen, um das Defizit der königlichen Schatzkammer auszugleichen. Er war bereit Reformen durchzuführen und legte Wert darauf, dem Adel die Situation des Volkes nahezubringen, indem er ihnen beispielsweise erkläre, wie viel ein Brot kostete. Dadurch machte er sich beim Volk sehr beliebt. Außerdem berechnete er alle Einnahmen und Ausgaben der Obrigkeit, wodurch man erstmals eine genaue Vorstellung der finanziellen Lage des Königshauses hatte. Die Ausgaben waren jedoch weit höher als die Einnahmen. Man suchte einen Sündenbock, und fand ihn schnell in Form von Marie Antoinette, was ihr den spöttischen Beinamen "Madame Déficit" einbrachte. Unter ihm begann Frankreich ebenfalls den Amerikanischen Unabhäbgigkeitskieg zu unterstützten, was Turgot zuvor wegen den damit einhergehenden Ausgaben vereitelt hatte. Man lieferte, vorerst im geheimen, Waffen, Nahrung und andere Ressourcen an die Truppen in Amerika, um den Rivalen England zu schwächen. Nachdem erste Erfolge der Revolution zu verzeichnen waren, unterstütze Frankreich die Amerikaner auch öffentlich. Nachdem der Krieg offiziell gewonnen war, lud man George Washington nach Versailles ein. Er ging der Einladung nach. Trotz der widersprüchlichen Werte und Ideale, die der Präsident vertrat, liebte man ihn am Hof des Königs.


Trotz des scheinbaren Bundes zwischen Amerika und Frankreich blieb der von Louis XVI. erhoffte Handel, um die Wirtschaft wieder ins Rollen zu bringen, aus. Louis VXI. und seine Berater hatten gehofft, durch die Unterstützung der Revolution zukünftig einen starken Handelspartner an ihrer Seite zu wissen, um der katastrophalen Wirtschaft etwas entgegenzusetzen. Trotz des scheinbaren Bundes mit Frankreich handelte Amerika weiterhin hauptsächlich mit England. Der erhoffte Wirtschaftsboost blieb aus und Frankreich saß auf den Kosten fest.


Danach trat für kurze Zeit ein weiterer Finanzminister in die Fußstapfen Neckers, welcher der Meinung war, man müsse die Wirtschaft Frankreichs aus eigener Kraft wieder ankurbeln, wenn Amerika dabei keine Hilfe war. Darum riet er dem König, Wertanlagen zu verkaufen, und soviel Geld auszugeben wie möglich, um den Fluss des Geldes zu reaktivieren. Als die Schatzkammern bis auf den letzten Live geleert waren und die finanzielle Situation im Land unverändert blieb, fiel dem ehrenwerten Herrn auf, dass diese Strategie wohl doch eher suboptimal gewesen war.



Die "königinnenliche" Pflicht

Der einzige Lichtblick: Marie Antoinette hatte mittlerweile einen Thronfolger geboren. Nachdem sie in den ersten acht Ehejahren keine Nachkommen zur Welt gebracht hatte, lastete ein immenser Druck auf ihr. Ihr erstes Kind war jedoch ein Mädchen, Marie Thérèse Charlotte. Also war sie ihrer "königinnenlichen" Pflicht weiterhin nicht nachgekommen. Nach elf Jahren, kurz nachdem ihre Mutter Maria Theresia verstorben war, brachte Marie ihren ersten Sohn, Louis Joseph Xavier François, zur Welt. Nun hatte sie ihre Pflicht erfüllt, ihre Beliebtheit beim Volk stieg. Durch ihre Kinder veränderte sich auch das Wesen der Königin merklich. Der zuvor erwähnte Natürlichkeitstrend ließ sie nicht mehr los, weswegen sie ein Bauerndorf im Versailler Garten errichten ließ. Mit Hühnern, Ziegen, einer Molkerei und einer Mühle ließ sich der Traum vom "Bauernleben", wie ihn viele Adelige der Zeit hegten, ermöglichen.

In diese künstlich erschaffene Idylle brachte Marie Antoinette auch ihre Kinder, da sie einen pädagogischen Wert im Dörflichen sah. In ihrer Rolle als Mutter ging sie voll auf, tollte mit ihren Kindern auf dem Boden herum, gab ihnen liebevolle Kosenamen und erzog sie. Das war mehr persönliches Engagement, als die meisten Edeldamen an den Tag legten und erst recht für eine Königin ungewöhnlich. Da sie ihrer Pflicht einen Thronerben zu gebären nachgekommen war, galt sie jedoch als nahezu unangreifbar.


Die neugewonnene Autorität gefiel Marie Antoinette. Zwar war sie schon davor Königin, durch ihre Kinderlosigkeit stand sie jedoch unter konstanter Kritik, war zudem jünger als viele andere Damen am Hof und noch dazu Ausländerin. Insbesondere letzteres ließ ihr Ansehen unter Zeitgenossen sinken. Schwestern des Königs, die sie bereits als "Madame l'Etiquette" tituliert hatten, nannten sie auch "l'Autrichien", (Aussprache l o-tr-i-ch-i-en also "die Österreicherin", was ähnlich wie "l'autre chien", (Aussprache l o-tre sch-i-a-n) zu Deutsch "der andere Hund" klang. Ein günstiger Zufall für die Spötter.


Aufgrund der Geldknappheit nahm sie ebenfalls ein paar persönliche Veränderungen vor, zum Beispiel hörte sie auf, um Geld zu spielen und verringerte den königlichen Pferdebestand.


Selbst in diesem vergleichsweise ruhigem Lebensabschnitt konnte sie einem Skandal nicht entgehen. Schon früher setzte sie Trends. Die haushohen, auffälligen, weißen Perücken der damaligen Zeit, Pouf genannt, bleiben uns bis heute im Gedächtnis. Weiß(lich) wurden die Haare damals durch das Puder, mit dem sie in ihrer unnatürlichen Form gehalten wurden, denn einer der Hauptbestandteile dieses Puders war Mehl. Das Volk schimpfte sie verschwenderisch: ein Nahrungsmittel auf dem Kopf zu tragen, wovon aktuell große Knappheit herrschte, war unakzeptabel.

Die Monarchin lernte daraus: in einem Potrait, welches sie als Königin demonstrieren sollte, trug sie lediglich ein luftiges, weißes Musselinkleid. Auch das erweckte Missgunst, denn eine solche legere Attitüde sei einer wahren Königin unwürdig. Zudem schadete der Import von der für Musselinstoff benötigten Baumwolle der heimischen Seidenindustrie. Bei ein paar wenigen Kleidern kein Problem, doch muss man bedenken, dass Marie Antoinette mit ihrer Modewahl eine ganze Schar gut betuchter Damen beeinflusste. Die Königin folgte dem Trend nicht, sie war der Trend. Darum wurde kurze Zeit später ein zweites Bild mit königlichen Insignien und Samtkleid angefertigt.



Die "andere" Frau ...


die es geschafft hat, in dieser Zeit berühmt zu werden, war Marie-Jeanne Bertin. Sie war die persönliche Schneiderin, Hutmacherin und Modistin Marie Antoinettes und mit ihren ausgefallenen Kleidern erlangte sie nicht nur das Wohlwollen der Königin, sondern wurde landesweit bekannt.

In regelmäßigen Abständen besuchte Bertin die Königin, um ihre neuen Kreationen zu präsentieren und ein Pläuschchen zu halten. Bertin baute sich eine eigene, unabhängige Existenz auf, führte einen eigenen Laden mit dreißig Angestellten und machte Hausbesuche.


Warum ich den Namen diese Dame am Rande erwähnen möchte ist simpel: wenige andere schafften es in dieser Zeit ohne einen Mann von Rang und Namen an ihrer Seite bekannt oder gar reich zu werden. Nicht so Rose Bertin, wie sie später in England genannt wurde.



"Let them eat cake"


Trotz der bösen Zungen, die Marie Antoinette so manche Eklats anzuhängen versuchten, sicherte sich das Königshaus die Regierungsmacht weiterhin. Besonders zwei Vorfälle, mit denen Marie sich Feinde machte und das Vertrauen der Öffentlichkeit strapazierte, sind der Nachwelt bis heute in Erinnerung geblieben – in beide war die Königin nicht involviert.


Der Bekanntere ist eine Aussage, welche die junge Königin angeblich geäußert haben soll. Schonmal von "Let them eat cake", oder zu Deutsch "Lass sie Kuchen essen" gehört? Würde mich nicht wundern, denn es steht dem Bekanntheitsgrad des Ausrufs "Liberté, Egalité, Fraternité" (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) in nichts nach. Nur ist die gängige Art & Weise, wie Menschen mit beiden Ausdrücken erstmals in Berührung kommen, sehr unterschiedlich. Letzteres lernt man meist im Geschichtsunterricht, wenn die Ziele der Aufständischen im Frankreich des 18. Jahrhunderts besprochen werden. Klare Verbindung zu Geschichte, der Aufklärung, dem Königshaus und natürlich der Revolution.

Die Aussage "Let them eat cake" wird in der Pop-Kultur weit großzügiger benutzt. Besonders das Lied "Killer Queen" von der Band Queen trug zur Popularität des Satzes in der heutigen Zeit bei. Wie viele andere Songwriter, unterstellt man Marie Antoinette im Lied diese Aussage getätigt zu haben. (Strophe 1 Zeile 3-4: "Let them eat cake, " she says, just like Marie Antoinette").

So weit, so gut, aber warum sind diese vier Worte so prekär gewesen? Führ dir die Zeit in Frankreich vor Augen. Menschen verhungern, Existenzen zerfallen zu Staub, Betriebe gehen pleite. Vor allem Brot und andere Teigwaren sind aufgrund der Mehlknappheit Mangelware. Nicht so für die Reichen. Am Hof des Königs ändert sich der Speiseplan trotz der Notlage keineswegs, Aussicht auf Besserung gibt es nicht.

Konfrontiert mit der Lage des Volkes äußert die Königin arrogant: "S'ils n'ont plus de pain, qu'ils mangent de la brioche", "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Brioches essen", eine mit Milchbrötchen vergleichbare Luxusware.

Das ist der Ursprung dieser Aussage, da sind sich zumindest die Marie-hassenden Zeitzeugen sicher. Liest man "Die Bekenntnisse", eine mehrteilige Autobiographie des aufklärerischen Philosophen Jean-Jaque Rousseaus, so stolpert man im sechsten Teil über eine Stelle, an welcher der Autor schreibt:


Schließlich erinnerte ich mich an den letzten Ausweg einer großen Prinzessin, welche, als ihr gesagt wurde ihr Volk habe kein Brot, antwortete: "Dann lass sie Brioches essen"

Allerdings wird diese "große Prinzessin" nicht namentlich erwähnt. Das spricht also weder für noch gegen Marie Antoinette. Die Königin war zur Veröffentlichung des Buches jedoch gerade einmal neun Jahre alt und somit noch in Österreich. Dazu möchte man bedenken, dass Rousseau sich "zurückerinnert", so wird es nahezu unmöglich den Satz-der-nicht-geannnt-werden-darf Marie Antoinette zuzuschreiben. Und selbst wenn Rousseau die Prinzessin in Österreich getroffen hätte und wenn die kleine Marie etwas Derartiges geäußert haben soll, so kann man dieser Aussage nichts Hochnäsiges anhängen, sondern sollte sie einfach als kindliche Naivität betrachten.


Der zweite Vorfall ist tatsächlich eine wahre Begebenheit und wurde als "Halsbandaffäre" bekannt. Marie, jung, schön und reich, hatte viele Verehrer, die sie jedoch reihenweise abblitzen ließ. Kardinal Rohan war besonders eifrig im Werben um die Gunst der Königin, weswegen er zum Opfer eines Betrugs durch eine Dame namens Jeanne de Saint-Rémy, die Gräfin de La Motte wurde. Letztere hatte sich schon zuvor durch gefälschte Briefe und ähnliche Betrügereien bereichert, doch gegen die Königin selbst hatte sie sich noch nie gerichtet. Die Gräfin überzeugte Rohan als "Madame Dubarry" davon, die Königin mithilfe einer Halskette, die zwei Juwelieren zuvor Marie Antoinette anboten, die aufgrund des hohen Preises von einem Kauf absah, für sich gewinnen zu können. "Dubarry" lieh folglich im Namen der Königin Geld von Rohan. Sie verzögerte die Zahlung, bis der Betrug einige Monate später aufflog. Rohan wurde festgenommen, aber einige Zeit später wieder entlassen. De La Motte steckte man erst ins Gefängnis, die Bastille, später wurde sie in die Salpêtrière überführt, ein Hospital für Bettler, Geisteskranke und alle anderen, die man von den Pariser Straßen fern halten wollte, und größtenteils Frauen beherbergte. Eine Beteiligte saß also in einer "Irrenanstalt", der andere wurde freigelassen. Einen Sündenbock für die immens hohen Schulden, sowohl damals als auch heute beläuft sich der Preis auf mehrere Millionen Euros oder Livres, gab es scheinbar nicht – also suchte man ihn. Und man fand ihn, erneut in Form von Marie Antoinette. Obwohl die Königin faktisch nicht direkt verwickelt war und ein Kaufangebot mehrmals ablehnte, machte sie es dem Volk durch ihre frühere Verschwendung schwer, an ihre Unschuld zu glauben.



Es läuft, bergab, aber es läuft.

Aufgrund des wachsenden Misstrauens des Volks berief Ludwig XVI. die drei Generalstände ein. Eine Art Krisensitzung wurde veranlasst, bei der sowohl der Klerus im ersten als auch Adel im zweiten und das gemeine Volk im dritten Stand Vertreter für die sogenannte Generalversammlung sandte. Doch nicht nur die politische Lage stellte das Königspaar in dieser Zeit auf die Probe. Kurz nach der Halsbandaffäre brachte die Königin ein Mädchen zur Welt, welches einige Monate später starb. Daraufhin zog sie sich mehr noch als zuvor in ihr eigenes kleines Schloss zurück. Der Eintritt ins Petit Trianon war von nun an äußerst exklusiv, nur noch engen Freunden Maries' vorbehalten. Das ärgerte den Versailler Hofstaat für den "Privatsphäre" ein Fremdwort war. Um sich ihren persönlichen Freiraum zu bewahren, ließ Marie Antoinette komplizierte Spiegelvorrichtungen an den Fenstern des Schlosses anbringen, die man nach Belieben öffnen und schließen und somit neugierigen Blicken entgehen konnte. Das befeuerte Gerüchte über ihre Untreue, die letztendlich auch nach außen drangen. Axel von Fersen, dem früher schon nachgesagt wurde, eine geheime Liebschaft mit der Königin zu führen, war aus dem Amerika wiedergekehrt, wo er einige Jahre zuvor die französischen Truppen gegen England führte. Als enger Vertrauter und guter Freund Maries' galt er bei bösen Zungen schon längst als ihre Affäre. Trotz der unbestreitbaren Sympathie zwischen den beiden ist bis heute nicht geklärt, ob sie eine romantische Beziehung pflegten. Ein gefundenes Fressen für "satirische" Zeichnungen, die ab jetzt veröffentlicht wurden und nur noch als pervers zu bezeichnen sind, in denen Marie Antoinette und Ludwig XVI. als lüsterne Dummbeutel dargestellt wurden.


Was Marie und Louis jedoch am meisten Sorgen bereitete, ist der Gesundheitszustand ihres Sohnes, dem Kronprinzen. Aufgrund einer Knochenkrankheit musste er seit einiger Zeit ein schmerzendes Metallkorsett tragen, was ihn stützen sollte, doch auch diese Maßnahme trug keine Früchte. Mit sieben Jahren starb Louis Joseph Xavier François letztendlich an einem Wirbelbruch.

Das verbesserte die Stimmung bei der Generalversammlung nicht unbedingt. Um die Krise zu bewältigen, müsste der Adel auf seine Privilegien verzichten, quasi seine eigenen Rechte weg-wählen. Dazu war niemand bereit. Zusätzlich schweißt der Tod seines Sohnes Louis wieder mit dem Adel zusammen, denn dort hatte man Verständnis für den Verlust des Thronfolgers. Das Kind, den Menschen dahinter sahen nur die wenigsten, das größte Problem der Noblesse war nur, wen sie nun als Nachfolger bestimmen sollten. Doch Louis war das entweder nicht bewusst, oder schlichtweg egal, denn er suchte Trost – und den bekam er. Immerhin versuchte jeder sich auf guten Fuß mit dem Monarchen zu stellen. So fehlt dem König jedoch der Durchgriff gegen den Adel.


Mit eiserner Hand gegen das Volk vorzugehen, wagte er ebenfalls nicht. Zu frisch war noch die Erinnerung an die Hinrichtung des englischen Königs Charles II. Es diente dem König als Beispiel, was passierte, wenn man das Volk mit Gewalt gegen sich aufbrachte. Das machten sich Gegner des Königs zur Waffe und platzierten ein Gemälde der Enthauptung Charles' in den Privatgemächern des Königs. Seine logische Schlussfolgerung war es, anders zu handeln als der englische König und einen sanfteren Regierungsstil zu etablieren. Das wurde ihm letztendlich zum Verhängnis, als ein wütender Mob nach Versailles vordrang, und die Königsfamilie nach Paris zwang, wo sie separiert und eingesperrt wurden. Zwar plante das Königspaar mithilfe einiger loyaler Freunde, darunter auch von Fersen einen Fluchtversuch, dieser scheiterte jedoch, als man bei einem kurzen Halt den König als solchen enttarnte. Dadurch verlor das Volk endgültig das Vertrauen zum König und der Königin – beide mussten um der Revolution willen sterben, ansonsten würden Monarchie, Ungerechtigkeit und Knechtschaft nie ein Ende nehmen. Nach einem vergleichsweise kurzen Prozess wurde Louis XVI. am 21. Januar 1793 mit der Guillotine geköpft. Seine Frau, Marie Antoinette, Königin von Frankreich und Navarra, folgte ihm bald darauf.

 


1 Comment


Guest
Mar 08, 2023

super interessant geschrieben!

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