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Gute Wahl . . .

wie wärs noch mit ein bisschen Musik?

10 Days in a Madhouse

Aktualisiert: 13. Juni

Tick-tack, tick-tack, tick-tack – unaufhaltsam wandern die Zeiger der alten Wanduhr. Stunde um Stunde, Tag um Tag, als hätte Zeit hier überhaupt eine Bedeutung. Die Holzbänke sind hart, die Betten kalt, das Essen ist beides. Aus der ferne duettieren schrille Schreie mit einem verstimmten Klavier – kein Novum. Überhaupt ist hier nie etwas neu oder anders. Nur ein Ereignis bringt hin und wieder Abwechslung in das trübe Leben: Die Ankunft armer Seelen, die kommen, bis sie für immer wieder gehen. So fließen die Tage ineinander über, ununterscheidbar, bis auch die Jahreszeiten still ihren Platz wechseln – hier, auf Blackwell Island.




Mad World


Ende des 19. Jahrhunderts war die Insel Blackwell Island im Herzen New Yorks bekannt für seine vermeintliche "Wohltätigkeit". Heute als "Roosevelt Island" Schulter an Schulter mit dem Empire State Building und dem Central Park, beherbergte die rund 60 Hektar große Insel Manhattans damals den Abschaum der Gesellschaft – die Kranken, die Armen und die Irren.


Diese Isolation der Leidenden, auch bekannt aus den zahlreichen Lungenheilanstalten Europas, ist größtenteils dem medizinischen Unwissens der Zeit zu Schulden. Logisch: wenn man eine Krankheit nicht bekämpfen kann, so gilt es immerhin ihre Ausbreitung einzuschränken. Für eine grobe Einordnung des damaligen Wissensstandes: Louis Pasteurs Keimtheorie wird bereits diskutiert, hat sich jedoch nicht im Allgemeinwissen etabliert.


Was mit der Zeit jedoch sehr wohl an die Öffentlichkeit drang, waren Gerüchte über die Zustände auf Blackwell Island.

Diese wurden 1887 durch die Reporterin Elizabeth Jane Cochran bestätigt – für die Zeitung World ließ sich die junge Frau für zehn Tage undercover in das Insane Asylum einliefern. Durch den folglich entstandenen Enthüllungsbericht "Ten Days in a Madhouse" verbesserten sich nicht nur die Regelungen der Asylums – besser bekannt unter ihrem alias Nellie Bly setzte Cochran ebenso neue journalistische Standards.


Einfach gesagt – was A.C. Doyle für Detektivgeschichten ist, das ist Nellie Bly für investigative Recherche.



Temporäres Zuhause


Vor ihrem Auftritt auf der Bühne der Welt übte Nellie Bly sorgsam ihre Rolle als "Verrückte". Ihr Kostüm waren die zerklüftetsten, ältesten und dreckigsten Sachen die sich im Besitz einer jungen Frau von Welt finden lassen. Mit einem heißen Bad sagte sie den Annehmlichkeiten der oberen Mittelschicht Lebewohl und ging als "Nellie Brown" in eines der zahlreichen Lodges der Stadt, dem Temporary Home for Females, No. 84 Second Avenue. Abgesehen von 70 cent (entspricht heute etwa 20€) war Bly lediglich mit den typischen Waffen einer Reporterin ausgestattet; einem Notizbuch, einem Stift und einer hervorragenden Beobachtungsgabe.


" I was left to begin my career as Nellie Brown, the insane girl. "

Dort sorgte sie mit merkwürdigem Verhalten schon bald für die gewollte Aufmerksamkeit. Eine leicht verwirrte Antworten hier und ein gedankenversunkener Gesichtsausdruck dort reichten bereits aus, um ihre Mitbewohnerinnen in der Lodge zu verängstigen. Eine schlaflose Nacht später – sowohl freiwillig für Nellie Brown, als auch unfreiwillig für eine Frau, die sich ängstigte, Nellie würde sie mit einem Messer erstechen – wurde Nellie Brown mit Verdacht auf Wahnsinn klammheimlich von der Polizei abgeführt und einem Richter präsentiert.



Vor Gericht & in Bellevue


Zu Nellie Browns entsetzen war ihr Richter ein ausgesprochen gütiger Mann, der ihre Zerstreutheit eher einem Drogenrausch zuschrieb und befürchtete, sie sei verschleppt worden. Folglich hatte er es sich zum Ziel gemacht, Angehörige zu finden, die sich um die unzurechnungsfähige Frau kümmern könnten. Zu diesem Zweck wollte er Nellie findigen Journalisten präsentieren, welche zu ihrem Glück gerade nicht zugegen waren – bei keinem Arzt und Richter hatte Nellie mehr Angst enttarnt zu werden, als bei ihren Kollegen:


" I got very much frightened at this, for if there is any one who can ferret out a mystery it is a reporter. I felt that I would rather face a mass of expert doctors, policemen, and detectives than two bright specimens of my craft ... "

Nachdem Nellie Brown also noch vor Ort von einem Arzt untersucht wurde, brachte eine Kutsche sie zum Insane Pavillon des Bellevue Hospitals. Dort bot sich ihr ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.



Die Bitten mitunter gesunder Patienten? – von Ärzten abgeschlagen.

Das Essen? - ungenießbar und unzureichend.

Die Betten & Räume – schlecht ausgestattet, ungemütlich & bitterkalt.


Nach einigen Tagen in Bellevue wurden 6 Patientinnen des Insane Pavillons, inklusive Nellie Brown, auf ein Boot verladen. Mit dem überqueren des East-Side Rivers wurden die Patientinnen zu Insassinnen.


"What is this place?” I asked of the man, who had his fingers sunk into the flesh of my arm.
"Blackwell’s Island, an insane place, where you’ll never get out of."


Ankunft im Lunatic Asylum


Als Begrüßung erwartete die sechs Frauen ein wahres Festmahl: dünner, kalter Tee mit einer dicken Scheibe Brot, bestrichen mit ungenießbarer Butter abgerundet von einer Untertasse auf der fünf Pflaumen ruhten. Letztere wurden sogleich von einer Mitpatientin Browns verschlungen. Auch den Rest ihrer Mahlzeit verteilte sie unter den anderen. Das Ambiente war ähnlich erfreulich: lange, schmale Holzbänke, auf denen sich Frauen stapelten wir Hühner auf der Stange,


Die zweite Station der Neuankömmlinge war das Badezimmer. Während andere Patientinnen beäugten, was ihnen bevorstand, wurde die Reporterin entkleidet und in eine Wanne voll dreckigem Wasser gesteckt. Dann wurde sie von Kopf bis Fuß mit Seife eingerieben und grob geschrubbt. Gekürt wurde diese Prozedur von drei Eimern eiskaltem Wasser, die ihr ohne Vorwarnung übergekippt wurden. All dies, gegen ihren Willen & unter Androhung von Gewalt, würde sie nicht kooperieren. Schon bald sollte sie lernen, dass ersterer auf Blackwell Island ohnehin ohne Bedeutung war.


"I think I experienced some of the sensations of a drowning person as they dragged me, gasping, shivering and quaking, from the tub."

Eingewickelt in ein nasses Stück Stoff und mit triefenden Haaren wurde Nellie Brown in ihr Zimmer gebracht. Ob man ein Nachthemd für sie habe? Fehlanzeige. Die Decke aus kratziger schwarzer Wolle, die nichtmal zu den Füßen reichte, sorgte auch nicht für mehr Komfort in dem kargen Raum. Zuletzt machte die nächtliche Patrouille der Schwestern, welche die Eisentüren ein jedes Patientenzimmers unliebsam öffneten und ächzend wieder schlossen unmöglich für Nellie, den erlösenden Schlaf zu finden.


Während sie nass und frierend die frostige Septembernacht abwartete, kam ihr ein neuer, erschreckender Gedanke: würde ein Feuer ausbrechen, wäre es unmöglich sämtliche Türen einzeln aufzuschließen, um den Frauen darin die Flucht zu ermöglichen.

Sie hatte mit eigentlichenen Augen gesehen, wie grauenvoll wie die Schwestern bislang mit den Patientinnen umgegangen waren und so glaubte sie kaum, dass von ihnen eine heldenhafte Rettungsaktion zu erwarten wäre.

Wie so viele andere Beschwerden, die Nellie Bly während ihres Aufenthalts auf Blackwell Island sowohl an die Schwestern, als auch die Ärzte richtete, ignorierte man auch diese guten Gewissens – von einer Irren konnte man schließlich keinen einzigen sinnvollen Gedanken erwarten.



Ein ganz normaler Tag


Der Tag im Lunatic Asylum begann 5 : 30 Uhr. Den Frauen wurde die Kleidung des Asylums vorgelegt, welche sie meist über mehrere Wochen trugen. Die Fenster wurden aufgerissen um noch mehr kalter Luft die Möglichkeit zu geben, kranke Patienten ans Bett zu fesseln. Im Badezimmer wurden die Haare der Frauen unsanft gekämmt. Eigentum wie Spangen oder Kämme wurden den Frauen promt abgenommen.


Um 7: 15 Uhr ging es in den Speisesaal, wo die Tradition des Abendessens weitergeführt wurde; Tee, der sich den Namen kaum verdiente, Brot mit ungenießbarer Butter und eine kleine Beilage – Haferflocken mit Melasse. Als Nellie nach einer Scheibe ohne Butter fragte, erblickte sie das Brot in all seiner Pracht – inklusive Spinnenkadaver.


"I cannot tell you of anything which is the same dirty, black color. It was hard, and in places nothing more than dried dough."

Anschließend ging es für die Frauen in den "Sitzraum", wo sie die meiste Zeit ihres Tages verbrachten – die wahre Folter des Lunatic Asylums auf Blackwell Island. Denn in diesem Zimmern waren die Frauen gezwungen den Großteil ihres Tages zu verbringen: sitzend und ohne Beschäftigung. Einzig ein Klavier war in einigen Räumen vorzufinden, auf dem die Frauen spielen und dazu singen durften, doch aufstehen oder laufen sowie anregende Beschäftigungen wie malen oder lesen waren Verboten. Ein Verstoß gegen diese Regeln wurden bestraft – von manchen Schwestern sogar mit körperlicher Gewalt. Darum nahm man Nellie das Notizbuch und den Bleistift ab, mit dem sie ihre Beobachtungen festhielt. Ersteres erhielt sie durch einen freundlichen Arzt zurück, den Stift verweigerte man ihr weiterhin – sie habe doch nie einen besessen:


"When I again referred to it, he said that Miss Grady said I only brought a book there; and that I had no pencil. I was provoked, and insisted that I had, whereupon I was advised to fight against the imaginations of my brain."

So gab es genau drei Ablenkungen, (Besuche sind hier ausgenommen, da sie so selten vor kamen) welchen die Patientinnen der Anstalt für den Rest ihres Lebens entgegenfiebern würden: eine Vorladung zu einem der Ärzte, den Mahlzeiten und der Hausarbeit. Denn wie Nellie erfuhr, wurden Arbeiten wie wischen, Betten machen oder waschen nicht von den Schwestern, sondern den Patienten selbst verrichtet.


So gingen die Tage dahin: aufwachen - frühstücken - langweilen - abendessen - schlafen.



Bericht von Miss Cotter


Vor allem die Aussagen von Miss Cotter gegenüber der Journalistin, die erstere Anhand verschiedener Verletzungen auch belegen konnte, geben einen düsteren Einblick in den Missbrauch der Patientinnen. Die Folgende Passage ist frei übersetzt:


"Die Erinnerung daran, würde ausreichen, um mich verrückt werden zu lassen. Für das Weinen schlugen mich die Schwestern mit einem Besengriff und sprangen auf mich [ . . . ] . Dann banden sie meine Hände und Füße zusammen und warfen ein Laken über meinen Kopf, drehten es fest um meine Kehle sodass ich nicht mehr schreien konnte und steckten mich so in eine mit kaltem Wasser gefüllte Badewanne. Sie hielten mich fest bis ich aufgab und das Bewusstsein verlor. Ein andermal griffen sie meine Ohren und schlugen meinen Kopf an die Tür und gegen die Wand. Dann zogen sie meine Haare an den Wurzeln heraus [ . . . ] .


Auch die persönliche Erfahrung Blys stimmt mit derlei Gewalt überein. So wurde ihr eines Nachts eine hochdosierte Mischung Laudanum gebracht, die sie zu sich nehmen sollte. Als sie sich weigerte, drohte man ihr, man würde sie ihr unter Zwang spritzen, tränke sie die Mischung nicht freiwillig. Schließlich gab Bly nach. Kaum war sie wieder allein, erbrach sie sich auf den Boden.



Nellie Bly ist wieder frei


Anders als im 2015 erschienenen Film "10 Days in a Madhouse" wurde Nellie Bly wie vereinbart nach 10 Tagen entlassen und veröffentlichte bald darauf ihren bahnbrechenden Bericht, den du hier nachlesen kannst.




 




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