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Gute Wahl . . .

wie wärs noch mit ein bisschen Musik?

"Das Phantom der Oper hat wirklich existiert."

Aktualisiert: 10. Sept. 2023

- G. L.

 

Mit diesem Satz beginnt Gaston Leroux 1909 die Erzählung "Le Fantôme de l’Opéra". Zwar wird das Werk in Frankreich nicht als Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens rezipiert, durch spätere Adaptionen brachte ihm dieser Roman jedoch bis heute Weltruhm ein. Nicht zuletzt liegt das an den mysteriösen Geschehnissen, die am Anfang des letzten Jahrhunderts auf den Titelblättern von Zeitungen in ganz Europa prangten & deren sich der Autor bediente, um die Geschichte des "Operngeists" so authentisch wie möglich zu gestalten.


Die Prämisse der Erzählung ist simpel: Ein missgestalteter Mann namens Erik verkriecht sich in den Kellern der Pariser Oper, um der Öffentlichkeit zu entfliehen und verliebt sich in ein dortiges Ballettmädchen, Christine. Gleichzeitig werden ihr von einem Kindheitsfreund, dem Viscount de Chagny, Anvancen gemacht. Ein klassisches Liebesdreieck also –wäre Erik nicht ein geübter Fallensteller & Illusionist, der mit seinen genialen Tricks das gesamte Opernpersonal auf Trab hält.

Die Opéra Garnier, auch Palais Garnier, benannt nach ihrem Architekten Charles Garnier (im Roman heißt der Architekt der Oper mit Vornamen Philipe), ist in dieser Geschichte die Hauptkulisse. Fast ausschließlich befindet sich der Leser gemeinsam mit den drei Hauptfiguren in den rund zehn Stockwerken des größten Theaterbaus der Welt. Durch die physische Abgrenzung der Protagonisten zur Außenwelt wirkt die Opéra Garnier wie eine eigene, in sich geschlossene Welt mit eigenen Regeln. Dadurch erschwert Leroux es dem Leser, die Handlungen der Charaktere mit herkömmlichen sozialen Konventionen zu vergleichen und der Realitätsbezug schwindet. Die präsentierte Geschichte erscheint glaubhafter. Zudem ist ein Theaterstück, wie viele Formen der Kunst, zumeist mit der willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit verbunden, die durch den Schauplatz auf die Existenz des "Operngeistes" ausgeweitet werden soll, was dadurch verstärkt wird, dass Erik ähnliche Tricks anwendet, die bei einer Theateraufführung Anwendung finden, nur dass die "Aufführung" des "Operngeistes" sich nicht nur auf die Bühne, sondern das gesamte Gebäude erstreckt und somit jeden Bediensteten, von der Logenschließerin bis zum Operndirektor zum Schausteller im grausigen Stück des "Falltürfachmanns" macht.


Außerdem arbeitet Leroux mit einem Sherlock-Holmes-artigen Vorgehen des Erzählers – der Leser folgt einem Journalisten mit den Initialen G.L. (siehe oben), der behauptete seit Jahren das Geheimnis des Operngeistes zu studieren und nun einen Beweis für seine Wahrhaftigkeit gefunden zu haben. Um die felsenfeste Überzeugung des Journalisten zu untermauern, baut Leroux schon im ersten Kapitel Figuren ein, die an der Existenz des Operngeistes zweifeln. Sowohl dem Leser, der sich mit den ungläubigen Charakteren identifizieren kann und seine Bedenken durch sie ausgesprochen findet, als auch der Figur selbst nimmt Leroux im Folgenden den Unglauben, wobei er die Geschehnisse rückblickend präsentiert. Dabei greift der Journalist G.L. auf angebliche Erfahrungsberichte der Beteiligten, wie des Persers oder des damaligen fiktiven Untersuchungsrichters Monsieur Faure zurück. Insbesondere die Zaubertricks Eriks scheinen magisch, doch bei weiterer Investigation des Erzählers bröckelt die Fassade. So wird in zwei ganzen Kapiteln (Die seltsame Rolle einer Sicherheitsnadel & Fortsetzung) erläutert, wie Erik es schafft den beiden Operndirektoren einen Stapel Geld aus deren Jackentaschen zu entwenden. Ein Rohr hier, eine Nadel dort und schon ist das Wunder zum Taschenspielertrick geworden – logisch, nachvollziehbar, realistisch. So soll auch in größerem Stil die Existenz Eriks gerechtfertigt werden.


Auch heute wird noch vereinzelt die Frage gestellt, ob das Phantom der Oper nun wirklich existiert habe oder nicht. Das liegt daran, dass Leroux sich realer Ereignisse und Personen bediente und Gerüchte am Puls der Zeit in die Handlung verwob. Allein die Tatsache, dass bis heute diesbezüglich vereinzelt Unsicherheit herrscht, obwohl man mittlerweile einen distanzierteren & folglich objektiveren Blick auf die damaligen historischen Ereignisse hat, bezeugt das literarische Können Leroux'.


Auf die "historischen Ereignisse" möchte ich im folgenden genauer eingehen, um zu verdeutlichen, wie Leroux Zeitgeschehen und Fiktion fusioniert.


Obwohl es zahlreiche Adaptionen der Erzählung mit verschiedenen Interpretationsansätzen gibt, haben alle eines gemeinsam – Erik bewohnt den Keller der Oper, welcher nur über einen unterirdischen See zu erreichen ist. Diesen See gibt es tatsächlich, auch wenn er realer Weise eher als Wasserbecken tituliert werden sollte. Beim Bau der Oper stieß man unbeabsichtigt auf einen Nebenarm der Seine, was es unmöglich machte, ein Fundament in den Boden zu setzen. Also legte man zuerst ein Sammelbecken für das Wasser an, worauf anschließend die Oper errichtet wurde. Dieses Wasserbecken wird auch heute noch regelmäßig von der Feuerwehr ausgepumpt und dient zusätzlich als Löschwasserbecken. Anschauen kannst du dir den "See des Phantoms" auf Google Maps. Eine wenig romantische Vorstellung, vergleicht man diese Eindrücke mit dem Bild des mystischen, kerzenbeleuchteten Sees, der vor allem durch das Musical von A.L. Webber populär wurde. Doch diese Art von Romantisierung war ein Spezialgebiet Leroux'.

Nicht nur die Behausung des Operngeistes, sondern auch die Person Erik selbst hat einen wahren Kern. So soll die Inspiration für Eriks Deformierung von Joseph Merrick stammen. Bekannter ist Joseph unter dem Namen Elephant Man, den ich aber aus Respekt Merrick gegenüber im folgenden nicht benutzen werde. Merrick litt seit früher Kindheit an Deformierungen im Gesicht und der linken Körperhälfte, die sich mit zunehmendem Alter verschlimmerten, seine linguistischen Fähigkeiten sowie seine Mobilität negativ beeinflussten. So war es zum Beispiel nur wenigen Menschen, die viel Zeit mit ihm verbrachten, möglich ihn zu verstehen. Eben jene berichteten auch, dass Merrick ein intelligenter & freundlicher Mensch gewesen sei, wenn auch ein wenig naiv.

Zwar verstarb Merrick 1890, also 19 Jahre vor dem Erscheinen des ersten Teils von Leroux' Roman, dennoch behaupten etliche Quellen, der Schriftsteller habe für die Erzählung Nachforschungen über Merrick angestellt. Inwiefern das ausgesehen haben soll, wird jedoch nie erklärt. Betrachtet man Bilder beider Männer, ist es jedoch vorstellbar, dass Leroux' sich an Merrick orientiert haben könnte. Vor allem da Menschen mit derartigen Missbildungen zur damaligen Zeit wenige Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt hatten und häufig dazu gezwungen waren, in "Freak Shows" oder Wanderzirkussen aufzutreten, wodurch sie unweigerlich bekannt wurden. Insbesondere ein derartig prägnantes Erscheinungsbild hatte das öffentliche Interesse der damaligen Gesellschaft geweckt.


Isabelle Casta zufolge, eine Expertin, die sich lange mit Leroux und seinen Werken auseinandersetzte, hatte der Schriftsteller bei einem Besuch in der Oper 1908 Gerüchte über einen Bauarbeiter namens Eric gehört, der nach der Fertigstellung des Opernhauses fragte, ob er in dem Kellergewölbe leben dürfe. Es ist also kein Zufall, dass auch Erik im Buch bei der Erbauung der Oper beteiligt gewesen war. Die Namensgleichheit wählte Leroux sicher auch nicht willkürlich – das Phantom der Oper war geboren.

Die Geschichte des weiblichen Hauptcharakters Christine Daée orientiert sich ebenfalls stark an einer realen Sängerin des damaligen Europas. Im Roman wird erklärt, dass die blonde, blauäugige Schönheit aus Schweden stamme und die Tochter eines verarmten Geigenspielers sei. Nach dessen Tod ging sie nach Paris, um im Ballett der Oper zu tanzen, wo ihr sängerisches Talent alsbald von Erik entdeckt und gefördert wurde. Sie debütierte als Margarete in Faust und verzauberte an diesem Abend das Publikum.

Eine bekannte Opernsängerin am Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts war Christine Nilson – eine blonde, blauäugige Schwedin, deren verarmter Vater sein Geld als Geigenspieler verdiente. Auch sie ging nach dessen Tod nach Paris, wo sie eine Gesangsausbildung begann. Besonders bekannt war sie für ihre Darstellung in Faust und Hamlet. Zwar trat Nelson nie in der Opéra Garnier auf, da sie ihren Auftritt kurzfristig und ohne jedwede Erklärung absagte, jedoch fanden beide Christines Unterkunft bei einer Frau namens Valerius. Zudem heiratete sie einen spanischen Grafen. Man erinnere sich, dass auch der fiktionalen Christine Daée der Hof von einem (Vize)Grafen gemacht wurde.

Der aufsehenerregendste Vorfall, welcher nie vollständig aufgeklärt wurde und darum einen großen Einfluss auf die Mythenbildung des Phantoms der Oper hatte, ist der im Webber-Musical thematisierte Kronleuter-Sturz. Am Morgen des 21. Mai 1896 titelt die Pariser Zeitung Le Figaro über einen "schrecklichen Unfall in der Oper", bei der ein circa 10 Kilogramm schweres Gegengewicht des rund 8 Tonnen schweren Kronleuchters während einer Aufführung in den Zuschauerraum stürzte und eine 57-jährige Concierge, Madame Chomette, tötete. Zuerst ging das Publikum aufgrund des lauten Knalls von einem Anschlag aus, woraufhin eine Massenpanik ausbrach, bei der etliche Opernbesucher verletzt wurden. Heute spekuliert man, dass ein unbemerkter Brand die Stahlträger des Gegengewichts zum Schmelzen brachte.


Schon die Räumlichkeiten der Oper, insbesondere der unteren Stockwerke, sind, ähnlich wie die Pariser Katakomben, labyrinthartig angelegt. In diesen Irrungen und Wirrungen unbemerkt aufzutauchen und wieder zu verschwinden wäre also ein leichtes gewesen, vor allem wenn man sich vorstellt, wie viele Bedienstete die Oper unterhielt, selbst wenn man das abendliche Publikum von 1900 Gästen, denn so viele Plätze hat der pompöse Theatersaal, außer auch lässt. Ähnlich viele Schlüssel soll es damals für das gesamte Gebäude gegeben haben. Gut vorstellbar, dass dort der ein oder andere Türöffner verschwunden ist.


In Kombination mit den unerklärlichen Geräuschen, die vor allem kurz nach der Eröffnung der Oper aus den unteren Stockwerken nach oben drangen, entstand so das Gerücht, ein Geist sei für die mysteriösen Vorfälle verantwortlich.

Auch den "Perser", dem Erik im Roman relativ nahesteht, gab es in Wirklichkeit. Während er in Leroux Werk aus Persien geflohen ist, nachdem er dort dem in Ungnade gefallenen Erik das Leben gerettet hatte, wurde er in Wirklichkeit für politische Zwecke 1842 nach Paris geschickt, wo er bis zu seinem Tod am 29. August 1886 lebte. Im Buch wird der "Perser" nie namentlich erwähnt. Die reale Vorlage hieß Mohamed Ismaël-Khan, war in Paris jedoch ebenfalls nur als der "Perser" bekannt. Mit einer ansehnlichen Zahlung von 1000 Livre pro Monat wurde er ein bekanntes Gesicht in der Oper und besuchte regelmäßig die Aufführungen.

Am Ende des Romans erklärt G.L., dass bei Untersuchungen des Kellergewölbes der Oper ein Skelett mit einem Goldring am Finger gefunden wurde, wodurch der Journalist den Toten als Erik identifizieren kann. Zusätzlich fand man angeblich phonographische Aufnahmen unter der Oper – und die gab es tatsächlich. 1989 stießen Arbeiter bei Reparaturen des Belüftungssystems in den unteren Stockwerken der Oper auf eine Zeitkapsel mit 28 phonographischen Aufzeichnungen bekannter Opernsängerinnen. Allerdings ist die Herkunft wenig spannend: 1907 entschied sich eine Gruppe musikbegeisterter Männer eine Auswahl der schönsten Opernstücke für genau 100 Jahre im Keller der Oper zu verwahren, damit mach auch heute noch den wohltuenden Klängen des beginnenden 20. Jahrhunderts lauschen könne. So wurde die Zeitkapsel 2007 geöffnet. Aufgrund der langen Lagerungszeit waren besagte Klänge jedoch wenig angenehm.


Während Leroux an seinem Roman arbeitete, tauchten in Paris immer wieder Leichen auf – auch im Keller der Oper. Das ist mit der Preußischen Belagerung zu erklären, die Paris Ende 1870 für vier Monate bedrohte. Geschätzt kamen dabei 25.000 Menschen ums Leben. Die Oper, noch im Bau, wurde als Lagerfläche und Unterschlupf genutzt, was die Leichen im Keller der Oper erklärt. Dass eines dieser Skelette Eriks goldenen Siegelring trug, hat Leroux mit Sicherheit dazu gedichtet.


Das Genre des Werkes zu benennen, gestaltet sich schwierig. Leroux präsentiert eine erfrischende Mischung aus Komik, schwarzer Romantik, Horror –und Kriminalroman, in den meisten (Film-)Adaptionen wird die Geschichte aber unter dem Genre Horror vermarktet. Die bekanntesten Adaptionen sind der Stummfilm mit Lon Chaney in der Rolle des Phantoms aus dem Jahr 1925 und der Joel-Schuhmacher Film von 2004 mit Gerard Butler in der Rolle des Phantoms. Letzterer orientiert sich jedoch weniger am Buch Leroux', sondern an dem gleichnamigen Musical von Sir Andrew Lloyd Webber und Richard Stilgoe, uraufgeführt 1986.


Abschließend lässt sich sagen, dass das Phantom der Oper nie wirklich gelebt hat, Leroux sich aber meisterhaft darauf verstand, Fiktion auf eine Art und Weise mit der Realität zu verknüpfen, dass die Grenzen verschwammen. Dafür spricht, dass er seine Geschichte in mehreren Teilen, wie damals üblich, in der Zeitung "Le Gaulois" in der Rubrik "Fiktion" veröffentlichte. Die Filmrechte verkaufte er einige Zeit vor seinem Ableben im Jahr 1927. Noch auf dem Totenbett beschwor Gaston Leroux jedoch:

"Das Phantom der Oper hat wirklich existiert".

- Gaston Leroux

 



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